
Vom Verstecken in der letzten Reihe auf die Bühne
02.08.2026 - Sebastian - ~6 Minuten
Ich ertappe mich bis heute dabei, mich in der Gruppe verstecken zu wollen. Immer schön in der zweiten Reihe, am besten hinter jemandem. Bei meiner Größe und Statur funktioniert das ungefähr so gut, wie es klingt.
Im letzten Teil dieser Reihe ging es darum, was Tanzen mit dem Kopf macht. Diesmal geht es um den Teil davon, den ich am längsten unterschätzt habe: den Blick auf mich selbst. Inzwischen stehe ich regelmäßig auf der Bühne. Zwischen der zweiten Reihe und diesem Punkt liegen ein paar Jahre, in denen sich weniger an meinem Körper verändert hat als an dem, was ich über ihn denke.
Der einzige, der ständig urteilt, bist du selbst
Der Tanzpsychologe Peter Lovatt bringt das in “The Dance Cure” (S. 47) auf einen Punkt, der mich beim Lesen ziemlich getroffen hat. Tanzen ist eigentlich die natürlichste Sache der Welt, und gleichzeitig ist der Mensch das einzige Lebewesen, das sich dabei permanent selbst bewertet. Genau diese Fähigkeit zu urteilen unterscheidet uns vom Rest des Tierreichs.
Dieses Bewusstsein für sich selbst hält uns dann davon ab, Dinge zu tun, auf die wir eigentlich Lust haben. Meistens aus Angst, uns zu blamieren oder nicht talentiert genug zu sein, manchmal auch, weil das Umfeld etwas anderes erwartet (S. 48). Das deckt sich exakt mit dem, was ich nach Auftritten höre. Männer kommen zu mir, machen Komplimente und sagen, dass sie das auch gerne könnten. Angefangen hat davon fast keiner, wie ich schon in Warum Männer nicht tanzen gehen geschrieben habe.
Selbstwertgefühl ist keine feste Größe
Was ich nicht wusste: Das Selbstwertgefühl schwankt über das Leben hinweg ziemlich deutlich. Bei Teenagern unter achtzehn ist es höher als im frühen Erwachsenenalter zwischen 23 und 49. In den Fünfzigern und Sechzigern steigt es wieder an, bevor es später erneut abfällt (Lovatt, “Dance Psychology”, S. 137).
Wenn ich mir anschaue, wer sich bei mir für einen Kurs meldet und wer nicht, passt das leider gut zusammen. Ausgerechnet die Altersgruppe, die sich am wenigsten traut, wäre die, die am meisten davon hätte. Ich war selbst mitten in dieser Spanne, als ich angefangen habe.
Der Umweg über den Körper
Zum Tanzen bin ich aus ganz anderen Gründen gekommen, nicht wegen meines Körpers. Trotzdem hatte ich den Gedanken im Kopf, dass man in einem Tanzsaal erst etwas verloren hat, wenn man mit dem eigenen Körper zufrieden ist. Ich war es damals nicht, und ich bin trotzdem hingegangen.
Lovatt beschreibt genau diesen Denkfehler an sich selbst. Er hielt seinen eigenen Körper wegen Größe, Gewicht und Alter lange für ungeeignet zum Tanzen, und vielen seiner StudienteilnehmerInnen ging es genauso (S. 152). In den meisten Fällen ist das eine Fehlvorstellung im Kopf. Fast jeder Körper kann sich zur Musik bewegen, und was du für einen Nachteil hältst, kann auf der Bühne dein größter Vorteil sein. Große Menschen sind im Raum unglaublich präsent, und genau das lässt sich in einer Choreografie nutzen.
Rückblickend war der Gedanke schlicht falsch herum. Der Saal war nie die Belohnung für einen fertigen Körper. Er war der Ort, an dem sich mein Verhältnis zu ihm überhaupt erst geändert hat.
Wo es leichter wird und wo nicht
Früher habe ich mich überall versteckt, wo es ging. Im Kurs hinten in der Ecke, bei Auftritten möglichst mittendrin in der Gruppe. Das ist heute besser, aber es ist nicht weg. Es gibt immer noch Stunden, in denen ich mich nach hinten stelle, ohne dass ich vorher darüber nachdenke.
Am leichtesten fällt es mir im Contemporary Freestyle. Da gibt es kein Richtig und kein Falsch, das ich verpassen könnte. Die Bewegung entsteht in dem Moment, und niemand kann sie mit einer Vorgabe vergleichen, weil es keine gibt.
Schwieriger wird es bei Choreografien. Da existiert eine richtige Version, und wenn du sie nicht abrufen kannst, sieht man das sofort. Genau da wollte ich mich früher am liebsten unsichtbar machen. Was sich verändert hat, ist das Pickup, also wie schnell ich eine vorgegebene Folge aufnehmen und wiedergeben kann. Das ist mit jedem Jahr besser geworden, und mit jedem Jahr wurde das Bedürfnis kleiner, mich dabei hinter jemandem zu verstecken.
Das ist der ehrlichste Fortschritt, den ich beschreiben kann. Nicht der Moment, in dem die Unsicherheit verschwindet, sondern die Beobachtung, dass sie über die Jahre immer seltener das letzte Wort hat.
Was die Forschung dazu sagt, und was nicht
An dieser Stelle könnte ich jetzt schreiben, dass Tanzen nachweislich das Selbstbewusstsein steigert. Das wäre aber nicht ehrlich. Die Studienlage dazu ist dünn. Es gibt qualitative Interviews mit positiven Hinweisen, aber mit unterschiedlichen Testmethoden ließ sich das bisher nicht eindeutig verifizieren (Lovatt, “Dance Psychology”, S. 184).
Ich kann dir also nur meine eigene Erfahrung anbieten und die Erfahrung der Menschen, die bei mir im Kurs stehen. Beides ist keine Studie. Aber es ist mehr wert als ein Satz, den ich mir zurechtbiege, damit der Artikel besser klingt.
Was tatsächlich hilft
Die größte Falle ist der Vergleich. Ich unterrichte erwachsene AnfängerInnen und andere Level, und die Vorerfahrungen im Raum gehen weit auseinander. Manche haben als Kind getanzt, geturnt oder etwas Ähnliches gemacht und bringen ein Körpergefühl mit, das andere sich erst erarbeiten müssen. Wer neben so jemandem steht und sich daran misst, verliert garantiert. Dazu kommt Social Media, wo du täglich perfekte Videos von Profis siehst und dich unbewusst mit ihnen vergleichst.
Was mir geholfen hat, war ehrliches Feedback statt netter Worte. Bei meiner ersten Audition zur Tanzpädagogik-Ausbildung hieß es: “Deine Balletttechnik wird derzeit nicht ausreichen um die Prüfung zu schaffen.” Das hat gesessen. Es war aber ein Satz über meine Technik zu diesem Zeitpunkt und keiner über mich als Person. Genau diesen Unterschied zu lernen, hat mehr für mein Selbstbewusstsein getan als jedes Lob.
Deshalb achte ich in meinem eigenen Unterricht darauf, Korrekturen konkret zu machen. Nicht “das war nichts”, sondern welcher Arm, welches Timing, welcher Schritt. Und ich sage dazu, was schon funktioniert. Wer weiß, woran er arbeitet, muss sich nicht fragen, ob er grundsätzlich geeignet ist.
Wenn du in der zweiten Reihe stehst
In meinen Kursen darfst du dich gerne erst einmal hinten hinstellen. Ich habe das jahrelang gemacht und ich mache es manchmal immer noch. Wichtig ist nur, dass du überhaupt im Raum stehst. Der Rest verschiebt sich mit der Zeit von alleine, meistens ohne dass du es merkst.
Im nächsten Teil dieser Reihe geht es darum, warum es hier auf dem Land eigentlich so wenig Tanzangebote gibt.
Danke an alle, die mich in meinen Kursen und auf der Bühne begleiten 🙏
Bildnachweis: Miguel Ángel Hernández auf Unsplash .