
Tanzen und der Kopf
01.08.2026 - Sebastian - ~5 Minuten
Es gibt Abende, an denen fahre ich zur Tanzstunde und habe eigentlich keine Lust. Der Tag hat um 6:30 im Büro angefangen, es ist 18 Uhr, der Kopf ist voll und die Beine sind schwer. Und trotzdem komme ich anderthalb Stunden später anders aus dem Saal, als ich reingegangen bin.
Im letzten Teil dieser Reihe ging es darum, was Tanzen mit dem Körper macht. Der Teil, der mich selbst mehr überrascht hat, ist aber der andere. Ich bin nicht zum Tanzen gekommen, weil ich etwas für meinen Kopf tun wollte. Das hat sich einfach nebenbei ergeben, und es ist inzwischen der Grund, warum ich auch an den Abenden hinfahre, an denen ich müde bin.
Warum du anders rauskommst, als du reingegangen bist
Das ist kein Gefühl, das nur ich habe. Der Tanzpsychologe Peter Lovatt beschreibt in “Dance Psychology” (S. 45 bis 46), dass Tanzübungen sich positiv auf die Stimmung auswirken, auf das divergente Denken, also die Fähigkeit, neue Ideen zu entwickeln, und darauf, wie stark wir Ermüdung überhaupt wahrnehmen. Der letzte Punkt erklärt genau den Abend, den ich oben beschrieben habe. Die Erschöpfung ist nach der Stunde nicht weg, ich nehme sie nur anders wahr.
Bewegung hilft außerdem dabei, Depressionen unterschiedlicher Stufen abzumildern, und einzelne Studien zeigen positive Auswirkungen bei Parkinson-PatientInnen (Lovatt, S. 64 bis 65).
Julia F. Christensen und Dong-Seon Chang beschreiben in “Tanzen ist die beste Medizin” (S. 172 bis 174), dass schon die Vorfreude und die Vorbereitung Dopamin freisetzen, nicht erst das Tanzen selbst. Ein wichtiger Punkt steht direkt daneben: Das funktioniert nur, wenn Niveau und Kurs zu dir passen. Wer sich in einer Stunde ständig überfordert fühlt, bekommt dieses Gefühl nicht. Das ist einer der Gründe, warum ich in meinen Kursen so viel Wert darauf lege, dass AnfängerInnen wirklich AnfängerInnen sein dürfen.
Was mit dem Stress passiert
Christensen und Chang beschreiben eine Studie, in der sich bei tanzenden Menschen niedrigere Entzündungswerte im Blut nachweisen ließen, ein Marker für ein hohes Stresslevel. Bei anderen Hobbys ließ sich dieser Effekt nicht nachweisen (S. 145). Tanz löst also nicht nur emotionale Spannungen, sondern baut auch Stresshormone ab.
Für mich ist der praktische Teil davon fast wichtiger. In einer Tanzstunde kannst du nicht nebenher an die Arbeit denken. Du hast eine Kombination, eine Musik, ein Tempo und eine Richtung, und wenn du gedanklich abschweifst, stehst du zwei Takte später falsch im Raum. Das ist die ehrlichste Form von Abschalten, die ich kenne. Nicht, weil es entspannt ist, sondern weil schlicht kein Platz für etwas anderes bleibt.
Emotionen, für die im Alltag kein Platz ist
Der Teil, den ich am wenigsten erwartet hatte, kam mit Modern Dance und Contemporary. Lovatt beschreibt in “The Dance Cure” (S. 121 bis 123), dass sich gerade diese Stile eignen, um mit den eigenen Gefühlen oder denen der Musik zu arbeiten und mit Emotionen zu experimentieren, die im Alltag keinen Platz finden.
In der Improvisation gibt dir niemand eine Schrittfolge vor. Du bekommst eine Musik, vielleicht eine Aufgabe, und dann musst du entscheiden, was dein Körper damit macht. Am Anfang war mir das ziemlich unangenehm. Aus zwanzig Jahren IT und Büro bringst du kein Vokabular dafür mit, wie sich Ärger oder Erschöpfung bewegen. Inzwischen ist genau das für mich der Teil, in dem am meisten passiert. Es gibt Stunden, aus denen ich rausgehe und merke, dass ich gerade etwas sortiert habe, worüber ich vorher nicht einmal geredet hätte.
Und dann sind da noch die anderen im Raum
Zugehörigkeit fördert Geborgenheit und Wohlbefinden (Christensen/Chang, S. 92). Beim gemeinsamen Tanzen kommt noch etwas dazu: Es aktiviert das körpereigene Opioidsystem. Das erzeugt Freude und verändert, wie wir über die Menschen denken, mit denen wir tanzen. In derselben Studie konnten die Beteiligten auch schmerzhafte Erfahrungen besser verarbeiten (Lovatt, “The Dance Cure”, S. 49 bis 51).
Das deckt sich mit dem, was ich in meinen Kursen sehe. Menschen, die sich vorher nicht kannten, stehen nach ein paar Wochen vor der Stunde zusammen und reden. Einsamkeit ist dabei längst kein Thema mehr, das nur ältere Menschen betrifft. Auch jüngere vereinsamen zunehmend, und ein fester Termin pro Woche, an dem andere Menschen damit rechnen, dass du kommst, ist mehr wert, als es klingt.
Der ehrliche Teil
Tanzen ersetzt keine Therapie. Das ist mir wichtig, weil zu diesem Thema viel geschrieben wird, das sehr nach Heilsversprechen klingt. Wenn es dir ernsthaft schlecht geht, gehörst du in professionelle Hände, und eine Tanzstunde ist dann bestenfalls eine Ergänzung.
Dazu kommt: Tanzen ist kein Ort ohne Frust. Ich habe mich in meinen ersten Jahren regelmäßig mit Leuten verglichen, die seit ihrem sechsten Lebensjahr tanzen, und bin mit ziemlich schlechter Laune nach Hause gefahren. Fünf Wochen vor meiner Prüfung in der Tanzpädagogik-Ausbildung habe ich mir einen Nerv eingeklemmt, und die Stunden danach waren nicht gut für den Kopf, sondern erst einmal frustrierend. Wer erwartet, dass jede Stunde ein guter Abend wird, wird enttäuscht.
Was ich aber sagen kann, nach mittlerweile einigen Jahren: Über die Zeit gerechnet gehe ich fast immer besser raus, als ich reingegangen bin. Auch an den Abenden, an denen technisch wenig geklappt hat.
Wenn du das selbst ausprobieren willst
Du brauchst dafür keine Vorkenntnisse und auch keinen bestimmten Grund. In meinen Kursen reicht es völlig, wenn du erst einmal schauen willst, was ein Abend im Tanzsaal mit dir macht. Meine Erfahrung ist, dass die meisten dabei etwas anderes finden, als sie gesucht haben.
Im nächsten Teil dieser Reihe geht es darum, was das Ganze mit dem Selbstbewusstsein macht, auch außerhalb des Tanzsaals.
Danke an alle, die mich in meinen Kursen und auf der Bühne begleiten 🙏
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