Blog · · 4 Min. Lesezeit
Warum es hier so wenig Tanzangebote gibt

Ein großer Teil meines Trainings besteht aus Autofahren. Nicht aus Tanzen, sondern aus Hinfahren und Zurückfahren. Wer bei uns Ballett, Jazz oder Modern Dance ernsthaft machen will, plant für eine Stunde Unterricht einen halben Abend ein.
Im letzten Teil dieser Reihe ging es um den Blick auf sich selbst. Diesmal geht es um etwas viel Banaleres, das trotzdem darüber entscheidet, ob jemand überhaupt anfängt: was es hier vor Ort gibt und was nicht.
Was es im Kreis Gütersloh gibt und was nicht
Tanzschulen gibt es durchaus. Die meisten unterrichten allerdings Standard und Latein, also das Welttanzprogramm und Vergleichbares, dazu die jeweils aktuellen Modetänze. Wer Ballett, Jazz Dance oder Modern Dance sucht, findet das fast nur in den größeren Städten oder in Angeboten für ein bestimmtes Publikum, meistens Kinderballett.
Für Erwachsene, die neu anfangen wollen, bleibt damit erschreckend wenig übrig. Und für alle, die schon tanzen und weiterkommen wollen, bleibt das Auto. Für Workshops und intensives Training fahre ich regelmäßig weite Strecken, und ich kenne kaum jemanden aus meinem Umfeld, bei dem das anders wäre.
Das ist kein Gefühl, sondern ein bekanntes Muster. Entfernung, Angebot und Kosten gehören zu den zentralen Faktoren dafür, ob Menschen Zugang zu Tanzkursen haben (Riva, “6 Reasons People Don’t Dance”, 2013). Zwei dieser drei Punkte sind auf dem Land strukturell schlechter als in der Stadt.
Warum daraus schnell ein Nicht-Anfangen wird
In der Befragung der Techniker Krankenkasse von 2022 steht Zeitmangel ganz oben bei den Gründen, die Menschen vom Sport abhalten. Zu eingespannt im Beruf, zu wenig Motivation, zu viel anderes. Wenn zu einer Stunde Unterricht noch eine Stunde Fahrt dazukommt, entscheidet sich das nicht mehr an der Motivation, sondern am Kalender.
Und das schlägt durch. Nach Zahlen des Instituts für Demoskopie Allensbach tanzten 2019 noch 4,33 Millionen Menschen in Deutschland häufig in ihrer Freizeit. 2023 waren es 3,36 Millionen. Über die Gründe dafür lässt sich streiten, aber eines gilt sicher: Wer kein Angebot vor der Tür hat, fängt gar nicht erst an.
Genau deshalb finde ich es zu einfach, das dünne Angebot mit fehlendem Interesse zu erklären. Ich habe in meinen Workshops genug Menschen erlebt, die vorher nie getanzt haben und danach unbedingt weitermachen wollten. Das Interesse ist da. Es findet nur oft nichts, wo es hin könnte.
Community Dance, oder: Tanz muss nicht im Tanzsaal stattfinden
Der Ansatz, der mich dabei am meisten überzeugt, heißt Community Dance. Es geht um Tanz in der Gemeinschaft, mit den Grundideen Gemeinschaft, Inklusion und Partizipation. Royston Maldoom beschreibt Community Dance als Möglichkeit, positive Veränderung im Leben des Einzelnen und der Gemeinschaft zu bewirken und Menschen unterschiedlicher Generationen und Befähigungen zusammenzubringen (Carley, “Royston Maldoom - Community Dance”, S. 9).
Das Praktische daran: Solche Projekte brauchen keine Tanzschule. Sie funktionieren in Schulen, in Unternehmen, in Kirchengemeinden, in Altenheimen und in Vereinen. Also genau dort, wo es auf dem Land ohnehin schon Räume und Menschen gibt, aber eben kein Tanzangebot.
Ich habe dazu Ideen für die Region, aber nichts, was ich hier ankündigen könnte. Sobald daraus etwas Konkretes wird, erfahrt ihr es hier zuerst.
Formate, die zur Realität hier passen
Was ich dagegen schon ausprobiert habe, sind niedrigschwellige Einstiege. Kostenlose Workshops zum Beispiel, bei denen niemand einen Kurs bucht, sondern erst einmal nur vorbeikommt und schaut, ob Tanzen überhaupt etwas für ihn ist. Auftritte im öffentlichen Raum wirken ähnlich, weil Menschen dort Tanz sehen, die von sich aus nie in ein Studio gehen würden.
Dazu kommen Formate für Zeiten, zu denen die üblichen Kurse nicht stattfinden. Eltern können abends um 19 Uhr oft schlicht nicht. Eine Art After-Care-Party von 20 bis 23 Uhr wäre für viele deutlich realistischer, genauso wie Tanzangebote früh am Morgen vor der Arbeit. Ich bin selbst zwei- bis dreimal pro Woche um 6:30 Uhr ins Studio gefahren, weil abends keine Zeit mehr war, und weiß deshalb ziemlich genau, dass so etwas geht.
Und schließlich Familienformate. Vater-Tochter-Ballett ist so ein Beispiel, das auf den ersten Blick ungewöhnlich klingt und beim zweiten Hinsehen ziemlich viel löst. Der Vater kommt mit, weil die Tochter tanzt, und merkt nebenbei, dass es ihm selbst Spaß macht.
Was ich selbst mache
Meine Kurse finden in Harsewinkel statt, meine Workshops meistens in Bielefeld. Das ist ein Kompromiss und keine Lösung. Es liegt daran, wo es Räume gibt, in denen sich vernünftig tanzen lässt, und daran, wo genug Menschen zusammenkommen, damit ein Kurs überhaupt zustande kommt.
Mein Ziel ist trotzdem, dass hier vor Ort mehr möglich wird als vier Wochen Anfängerkurs. Nicht, weil sich damit ein Geschäft machen ließe, sondern weil ich selbst jahrelang derjenige war, der für jede vernünftige Stunde eine Stunde Auto gefahren ist.
Und damit die Frage an dich: Welches Format fehlt dir hier vor Ort? Uhrzeit, Tanzrichtung, Ort, alles interessiert mich. Schreib es mir gerne, das hilft mir bei der Planung mehr als jede Statistik.
Danke an alle, die mich in meinen Kursen und auf der Bühne begleiten 🙏
Bildnachweis: jplenio auf Pixabay .