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Warum Männer nicht tanzen gehen

Vor einigen Jahren habe ich einer guten Freundin an einem späten Abend versprochen, mit ihr zu einem Ballettkurs zu gehen. Sie wollte unbedingt tanzen, traute sich aber nicht alleine hin. Ich habe insgeheim gehofft, dass sie das Versprechen wieder vergisst. Hat sie nicht.
Ein paar Wochen später stand ich das erste Mal in meinem Leben in einem Tanzsaal. Übergewichtig, untrainiert und als einziger Mann in einer Klasse voller Frauen, die alle deutlich besser aussahen als ich. Und dann passierte genau das, womit ich nicht gerechnet hatte: nichts. Niemand hat gelacht, niemand hat mir das Gefühl gegeben, dass ich dort falsch bin. Ich habe danach den Vertrag unterschrieben und bin die ersten Jahre geblieben.
Seitdem stehe ich regelmäßig auf der Bühne. Und immer wieder werde ich danach von Männern angesprochen, die mir Komplimente machen und sagen, dass sie das auch gerne könnten. Angefangen hat davon fast keiner. Warum eigentlich nicht? Für meine Ausbildung zum Tanzpädagogen habe ich genau diese Frage in einer Hausarbeit untersucht. Das Ergebnis war ehrlich gesagt ernüchternder, als ich dachte.
Die Zahlen sind eindeutig
Die Techniker Krankenkasse hat 2022 ihre Mitglieder nach ihrem Sportverhalten gefragt. In der Top Ten der beliebtesten Sportarten landet Tanzen auf Platz 10 mit 4 Prozent. Aufgeteilt nach Geschlecht sind das 6 Prozent bei den Frauen und 3 Prozent bei den Männern.
Noch deutlicher wird es bei Kindern. In der Bestandserhebung des Deutschen Olympischen Sportbunds von 2021 kommt Tanzen bei den 7- bis 14-Jährigen auf Platz 12, weit abgeschlagen hinter Fußball und Turnen. Von den rund 35.700 tanzenden Kindern sind gut 32.000 Mädchen und nur etwa 3.600 Jungen. Tanzen ist bei Mädchen also zehnmal so beliebt wie bei Jungen.
Der Trend insgesamt zeigt übrigens nach unten. Nach Zahlen des Instituts für Demoskopie Allensbach tanzten 2019 noch 4,33 Millionen Menschen in Deutschland häufig in ihrer Freizeit. 2023 waren es 3,36 Millionen. Gleichzeitig ist die Zahl derer, die nie tanzen, auf über 41 Millionen gestiegen.
Jungen hören auf, bevor sie angefangen haben
Der Tanzpsychologe Peter Lovatt beschreibt in seinen Büchern einen Zusammenhang, der mir viel erklärt hat. Jungen unter sechzehn profitieren nicht in gleichem Maß vom Tanzvertrauen wie gleichaltrige Mädchen, weil sie den Tanz in dieser Entwicklungsphase schlicht nicht auf dieselbe Weise nutzen. Sie tanzen seltener zu Hause mit Freunden und melden sich seltener zu Kursen an.
Erst in den späten Teenagerjahren und frühen Zwanzigern steigt das Tanzvertrauen bei jungen Männern wieder an. Lovatt ordnet den geselligen Freizeittanz dabei der Partnerwahl zu. Übersetzt heißt das: Viele Jungen kommen erst dann zum Tanzen, wenn ein anderer Grund als der Tanz selbst dazukommt. Und wer mit vierzehn nicht angefangen hat, hat mit dreißig das Gefühl, den Zug verpasst zu haben.
Die Angst, eine schlechte Figur zu machen
Der Druck, gut auszusehen, ist beim Tanzen größer als in fast jedem anderen Sport. Tanz ist eine soziale und visuelle Aktivität. Du wirst gesehen, von Anfang an. Und bevor Bewegungen gut aussehen, sehen sie erst einmal lange nicht gut aus. Das ist keine Einbildung, sondern der normale Lernweg. Trotzdem führt genau diese Phase bei vielen zu Frust und Selbstzweifeln, in der Gruppe oft noch verstärkt.
Dazu kommen Vorurteile, die sich hartnäckig halten. Junge Männer im Ballett gelten in manchen Köpfen immer noch als homosexuell, Frauen im Poledance landen schnell in der Erotik-Ecke. Beides sagt nichts über den Sport aus und viel über die Menschen, die so reden.
Und dann gibt es noch einen Kreislauf, der sich selbst am Leben hält. Weil so wenige Männer tanzen, sind Tanzkurse voll mit Frauen, die aus Mangel an Partnern miteinander tanzen. Männer, die reinschauen, sehen dort kaum andere Männer, halten sich selbst für schlechte Tänzer und trauen sich erst recht nicht in den Kurs. Damit sind wieder weniger Männer da. Und so weiter.
Der Vergleich im Kopf
Ich bin da selbst nicht raus. In meinen Kursen stehen erwachsene AnfängerInnen neben Leuten mit ganz unterschiedlicher Vorerfahrung. Manche haben als Kind getanzt, geturnt oder etwas Ähnliches gemacht und bringen ein Körperbewusstsein mit, das ich mir über Jahre erst erarbeiten musste. Als Erwachsener lernst du Bewegungen langsamer, und die Versuchung, dich mit den Erfahrenen zu vergleichen, ist riesig. Das endet fast immer mit dem Gefühl, dass du zu langsam bist oder dass Tanzen einfach nichts für dich ist.
Peter Lovatt schreibt, dass er seinen eigenen Körper wegen Größe, Gewicht und Alter lange für ungeeignet zum Tanzen hielt. Seine Forschung zeigte ihm später, dass es vielen seiner StudienteilnehmerInnen genauso ging. Dabei ist das fast immer eine Fehlvorstellung im Kopf. Fast jeder Körper kann sich zur Musik bewegen, und was du für einen Nachteil hältst, kann auf der Bühne dein größter Vorteil sein. Eine große Tänzerin ist im Raum unglaublich präsent.
Ich ertappe mich trotzdem regelmäßig dabei, mich in der Gruppe verstecken zu wollen. Bei meiner Größe und Statur führt das zu einem ziemlich unvorteilhaften Bild. Es hilft also nicht einmal.
Verstärkt wird das Ganze durch Social Media. Wer auf Instagram und TikTok täglich perfekte Tanzvideos sieht, vergleicht sich bewusst oder unbewusst mit Profis. Das verzerrt die Wahrnehmung der eigenen Fähigkeiten massiv.
Und dann die ganz banalen Gründe
Nicht alles ist Psychologie. In der TK-Befragung stehen ganz oben auf der Liste der Gründe, die vom Sport abhalten: genug Bewegung in Job und Alltag, fehlende Motivation und beruflich zu eingespannt sein. Tanzkurse liegen abends oder am Wochenende, also genau da, wo auch Familie und andere Hobbys stattfinden.
Dazu kommt die Verfügbarkeit. Bei uns im ländlichen Raum ist das Angebot dünn. Die meisten Tanzschulen unterrichten Standard und Latein oder aktuelle Modetänze. Ballett, Jazz und Modern findest du fast nur in den größeren Städten, und für Workshops fahre ich regelmäßig weite Strecken. Wer erst eine Stunde Anfahrt einplanen muss, überlegt es sich zweimal.
Was das für dich heißt
Wenn du gerade merkst, dass du dich in einem oder mehreren dieser Punkte wiederfindest, dann ist das völlig normal. Ich hatte sie fast alle: falsches Alter, falscher Körper, keine Vorkenntnisse, einziger Mann im Raum. Keiner davon hat sich als echtes Hindernis herausgestellt. Das einzige, was wirklich zählte, war der Abend, an dem ich ein Versprechen gegeben habe, das ich nicht mehr loswurde.
Wenn du sowas nicht hast, dann nimm diesen Artikel als Ersatz. In meinen Kursen ist der erste Schritt bewusst klein gehalten, und du bist dort garantiert nicht der einzige, der zum ersten Mal in einem Tanzsaal steht.
Was dich erwartet, wenn du diesen Schritt machst, und warum sich der Aufwand lohnt, erzähle ich in den nächsten Teilen dieser Reihe. Falls du direkt einen Überblick über die verschiedenen Tanzarten suchst, findest du den in meinem älteren Beitrag Männer! Geht tanzen!.
Danke an alle, die mich in meinen Kursen und auf der Bühne begleiten 🙏
Bildnachweis: Alanjvm auf Pixabay .