
Was Tanzen mit deiner Körperhaltung macht
26.07.2026 - Sebastian - ~4 Minuten
Ich habe den größten Teil meines Erwachsenenlebens auf einem Bürostuhl verbracht. Rechner, Meetings, Schultern nach vorne, Kopf nach vorne. Bis zu dem Abend, an dem ich das erste Mal in einem Ballettsaal stand und mir zum ersten Mal überhaupt jemand gesagt hat, wo mein Becken eigentlich steht.
Wie ich dort gelandet bin, habe ich im letzten Teil dieser Reihe erzählt. Übergewichtig, untrainiert, einziger Mann im Raum. Was mich damals am meisten überrascht hat, war nicht die Kondition. Es war die Erkenntnis, dass ich schlicht keine Ahnung hatte, was mein eigener Körper gerade tut.
Haltung ist nichts, was du hast, sondern etwas, das du übst
Der Satz “steh gerade” hat mir nie geholfen. Im Ballett bekommst du stattdessen zwanzig kleine Anweisungen, die zusammen erst das ergeben, was von außen wie eine gute Haltung aussieht. Rippen schließen, Becken aufrichten, Schultern nach unten, Gewicht über die ganze Fußsohle. Und beim nächsten Exercice fängst du wieder von vorne an.
Für mich ist Ballett deshalb die Grundlage für Körperbeherrschung und Kontrolle, das habe ich schon in Männer! Geht tanzen! geschrieben. Vollständige Kontrolle über Rumpf, Arme und Beine bildet die Basis. Darauf aufbauend musst du jedes Körperteil mit Leichtigkeit in so ziemlich jede Raumrichtung führen können.
Das Entscheidende daran ist die Wiederholung. Haltung ist kein Zustand, den du einmal einnimmst und dann behältst. Sie ist eine Bewegung, die du hunderte Male korrigierst, bis dein Körper sie irgendwann selbst übernimmt.
Was im Körper dabei passiert
Für meine Ausbildung zum Tanzpädagogen habe ich mich auch mit der Forschung dazu beschäftigt, und die Erklärung ist erfreulich unspektakulär. Tanz bindet alle Muskelketten ein und ist damit ein Training für alle Körperbereiche, nicht für einzelne Muskeln. Genau deshalb verbessern sich Körperhaltung und räumliche Wahrnehmung mit, ohne dass du sie separat trainierst. Das beschreiben Julia F. Christensen und Dong-Seon Chang in “Tanzen ist die beste Medizin” (S. 111).
Der Tanzpsychologe Peter Lovatt beschreibt in “Dance Psychology” (S. 97) ein zwölfwöchiges Tanzprogramm, nach dem sich bei den TeilnehmerInnen gleich mehrere Dinge gleichzeitig verbessert hatten: die kardiovaskuläre Fitness, die Muskelkraft, der Bewegungsumfang, die Balance und die Beweglichkeit. Zwölf Wochen sind ungefähr ein Kursblock.
Dazu kommt etwas, das kein Gerät im Fitnessstudio leisten kann. Du bewegst dich im Raum, zur Musik und in Abstimmung mit den anderen TeilnehmerInnen. Dein Körper muss also nicht nur eine Bewegung ausführen, sondern gleichzeitig wissen, wo er ist, wo die anderen sind und wo im Takt du gerade steckst.
Warum das im Alltag ankommt
Komplexe Bewegungen fördern die Verbindung von Neuronen. Durch Wiederholung werden diese Muster leichter abrufbar und lassen sich auf ganz normale Alltagsbewegungen übertragen (Christensen/Chang, S. 130 bis 131). Was du im Saal lernst, bleibt also nicht im Saal.
Bei mir zeigt sich das weniger als Kraft und mehr als Aufmerksamkeit. Ich merke inzwischen selbst, wenn ich nach zwei Stunden am Schreibtisch wieder in die alte Haltung gerutscht bin. Früher habe ich das erst abends am Nacken gemerkt, heute fällt es mir mitten am Tag auf. Das klingt banal, ist aber der eigentliche Unterschied: Du bekommst kein neues Rückgrat, du bekommst eine Rückmeldung.
Der ehrliche Teil
Tanzen ist trotzdem kein Wundermittel für den Rücken. Es ist Training, und Training kann auch schiefgehen. Fünf Wochen vor meiner Prüfung in der Tanzpädagogik-Ausbildung habe ich mir einen Nerv eingeklemmt beziehungsweise entzündet, und die Stunden danach waren teilweise deutlich schwieriger als vorher.
Und die ersten Monate fühlen sich nicht entspannter an, sondern anstrengender. Du benutzt Muskeln, von denen du nicht wusstest, dass du sie hast, und du sitzt danach nicht automatisch aufrechter. Der Körper muss erst einmal lernen, was du überhaupt von ihm willst. Wer nach vier Wochen eine bessere Haltung erwartet, wird enttäuscht. Wer nach einem Jahr zurückschaut, meistens nicht.
Wenn du es ausprobieren willst
In meinen Kursen fangen wir genau an dem Punkt an, an dem ich damals selbst stand. Ohne Vorkenntnisse, ohne Erwartung, dass du weißt, was dein Becken gerade macht. Das ist ausdrücklich Teil der Sache und nicht die Voraussetzung dafür.
Was mich am Tanzen bis heute am meisten überrascht, ist nicht, dass es meinen Körper verändert hat. Es ist, dass ich nach über dreißig Jahren zum ersten Mal wirklich mitbekomme, was er die ganze Zeit tut.
Im nächsten Teil dieser Reihe geht es darum, was das Ganze mit dem Kopf macht.
Danke an alle, die mich in meinen Kursen und auf der Bühne begleiten 🙏
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